Grenzen überwinden

Diese Headline hat sich die derzeit stattfindende Frankfurter Buchmesse in Bezug auf die aktuellen internationalen weltpolitischen Zustände auf die Fahnen geschrieben – „Mit Sprache Grenzen überwinden“. Beachtlich! Aber warum? Die Macher wollen damit aufwecken, aufrütteln und sich positionieren – gegen den derzeitigen Trend der spürbaren Nationalisierung, des Werteverfalls und der aufkommenden Aufgeregtheit oder gar Feindlichkeit gegen Neues oder Andere(s).

Was hat das mit diesem platform Newsletter zu tun, werden Sie sich fragen. Im Sinne des digitalen Wandels eine ganze Menge, meine ich.
Keine technische Veränderung ist derzeit so rasant und dynamisch wie die der Informationstechnologie (IT). Es entsteht der Eindruck, die IT kann alles, macht alles, darf alles – egal ob nützlich, am Ziel vorbei oder sogar kriminell. Wer fragt da mittlerweile noch kritisch oder konstruktiv nach, wenn sich täglich Hiobsbotschaften wie Hacker-Angriffe und Erfolgsstorys wie Neuerscheinungen regelrecht duellieren.

Sind wir also den Auswüchsen, den Veränderungen, den Versprechungen machtlos ausgeliefert? Schuldlos? Hilflos? Motivationslos?
Und dann: „Grenzen überwinden“- wieso, welche, warum? Was sind die sichtbaren Auswirkungen, was geht es mich an und wie sollte unsere (meine) Haltung dazu sein?
Ich frage mich das ernsthaft und bin irritiert, wenn in den (smarten) Suchmaschinen bei Eingabe des Wortes „Fremdenfreundlichk...“ als Vorschlag das Wort „Fremdenfeindlichkeit“ erscheint. Irritiert, wenn die selbsternannte Branche „Digitalisierung“ schon jetzt von Digitalisierung2.0 spricht, wo noch jedes vierte Unternehmen laut einer BITKOM-Studie nie eine digitale Akte gesehen bzw. elektronisch gesichert abgelegt hat. Und verwundert, dass die Awareness für Compliance und DSGVO im Alltag auf IT-Einzelprodukte wie Excel und Stand Alone-Lösungen reduziert wird.

Sind wir das? Haben wir das gemacht oder ist es nicht doch zu einfach, es auf die Generation „Why“ abzuwälzen?
Meine Wahrnehmung dazu, lässt mich offen überlegen, wann wir in der IT mal anfangen, grenzenlos zu denken? Mal Nutzern zuhören, verständlich beraten, Wege oder verbindliches Handeln ohne Ausreden und Nachbudgetieren skizzieren. Mal ohne Abteilungsdenken, ohne Funktionsdenken in Gitterboxen wie ERP, CRM, ECM, MES, ohne Technologieausreden.

Hier muss meine Oma wieder herhalten: „Geben ist seliger denn (immer nur) nehmen“ – pflegte sie zu sagen.
Als IT dürfen wir uns ja mal kritisch hinterfragen, oder? Wie soll Effizienz, Digitalisierung im Unternehmensalltag gestaltet werden, wenn wir, die IT, nur in Technologieclustern denken? Oder sind wir selbst nur Geisel der digitalen Veränderungen mit der Frage: „Löst die KI uns Menschen ab und wer hat’s gewollt?“.

Drücken wir im Alltag den Veränderungen unseren Stempel auf? Bewahren wir Haltung und Achtung gegenüber Neuem? Verbinden wir Wertschätzung mit Anstandskultur, Respekt und Verstand gegenüber Anderem wie Risiken, Security, Datenschutz und und und.
Beim Thema Digitalisierung im Umgang mit Informationen, dem Wettbewerbsfaktor Nr.1, versagt leider zu oft unser Wertekorridor. Oder ist es schleichende Sorglosigkeit, nicht aus Fehlern zu lernen oder die Gier nach Statussymbolen oder Technologiewundern? Denn wie ist es sonst zu erklären, dass die selbstdefinierten Strickmuster der IT, in die sie sich jahrelang selbst gegeißelt hat, immer noch zelebriert werden? Die Anwender haben schon längst erkannt, dass das übergreifende Organisationsdenken und -handeln aus IT-Sicht noch im Anfangsstadium steckt. Als Entlastung muss ich geltend machen, dass die Zeit für Vernetzung, Clouds und Plattformen im technischen Sinne sich erst entwickeln musste. Aber: der digitale Wandel gilt insbesondere uns Menschen, nicht der IT. Die wandelt sich durch unseren ureigensten Wissensdurst von ganz alleine. Künstliche Intelligenz (KI) ist schließlich definiert als ein codierter Ablauf mit ständigem Lernen (Input/Erfahrungen). Und Lernen und Verstand dürfen wir uns Menschen (noch) zurechnen lassen.

Also überwinden auch wir Grenzen, haben Mut zur gelebten, alltäglichen IT. Lassen wir zu, dass KI, Blockchain und was noch alles kommt, in uns reifen darf und dann zur Anwendung kommt, wenn es uns im Alltag hilft und nützlich ist. Und lassen Sie uns neugierig, lernbegierig und transformationsfähig bleiben – dann klappt das auch mit der Digitalisierung, da bin ich mir sicher.

Ihr grenzenloser Digitalisierungsoptimist
Steffen Schaar