Stapel mit verschiedenen Ausgaben des DiALOG Magazins

So wie immer, aber anders!

Eine Business-Christmas-Story 2020
Namen und Abkürzungen sind rein zufällig gewählt – Prost! Die Situation: Wenige Tage vor der großen Lieferung ist es im Weihnachtswunderland beängstigend still. Wo sonst immer emsiges Treiben herrschte, ist nun der eisige Wind tonangebend.


Keine Spuren im tiefverschneiten Winterwald, kein einziges Glöckchen-Gebimmel der vor Aufregung zappelnden Rentiere. Das Weihnachtsland sieht aus, als gäbe es in diesem Jahr kein Fest, keine Überraschungen, keine vor Freude strahlenden Kinderaugen. Und dennoch, in jeder Werkstatt, jedem Block, jedem Stall brennt Licht und aus den Schornsteinen qualmen dicke weiße Rauchschwaden in den tiefschwarzen Sternenhimmel. Beim Alten, hoch droben über den Dächern der Werkstätten, strahlt wie jedes Jahr der riesige Balkon mit unzähligen Glühbirnen, Lichterbögen und allerlei Tand, in der Mitte steht die digitale Schaltstation, äh platform, die noch letztes Jahr so stimmungsvoll eingeweiht wurde.
So wie immer? Die Vorbereitungen für das jährliche Jahres-End-Projekt laufen seit Monaten auf Hochtouren. In der Zeit als der Osterhase um die Ecken schlich und schon feststellen musste, dass in diesem Jahr eine besondere Situation herrscht, glaubten alle im Weihnachtsland, dass bis zum Projektfinale alles wieder normal ist.

„…aber anders!“ - die Stufen zur Auslieferungszentrale, in der der Alte wie seit vielen Jahren um diese Zeit seine Zelte aufgeschlagen hat, sind tiefverschneit und unberührt. Wo sonst immer tiefe Spuren und gar Glättegefahr von der großen Emsigkeit herrschte, hat jetzt nur der Wind seine Schneehaufen aufgerichtet. Der Wind säuselt mal leise, mal heulend über das Areal. Sonst herrscht beängstigende Stille. Fällt Weihnachten dieses Jahr aus, weil die Bescherung wegen des weltweiten Ausnahmezustands abgesagt ist?

Vor Wochen hatte es noch den KickOff zum jährlichen Projektstart gegeben. Alle waren wohlauf, gespannt und voller Hoffnung. Sie hatten keine Ausfälle, selbst Rudi, das älteste Rentier wurde wegen seines Alters besonders gepflegt. Er führt immer das Vorzeige-Gespann an – mit seiner roten Nase als Markenzeichen von Freundlichkeit und als Lieblingsfigur im großen Weihnachtszirkus – und bekommt deshalb besondere Aufmerksamkeit. Sein Optimismus war grenzenlos und nun ….

Wo ist er eigentlich? Ein Blick über das große Balkonfenster in die Schaltzentrale lüftet das Geheimnis. Der Alte sitzt mit großen Sorgenfalten im Gesicht, seinen Kopf auf beide Hände aufgelegt, am riesigen Eichentisch. Der rote Traubenbottich ist fast leer, der süße Duft hängt in der stickigen Luft des Raumes. Das Jahres-Chroniken-Buch liegt aufgeblättert vor ihm, der Stift ist halb ausgetrocknet. In der Ecke am lodernden Kamin liegt auf einem dicken Heuhaufen das Ren und kaut versunken in bekannter Manier auf einer Mohrrübe, als hätte es alle Zeit der Welt. „Was soll ich nur schreiben“, durchbricht der Alte die Stille und schaut fragend in Richtung Rudi. Seit Stunden sinniert er über die Situation. Jammern, Ignorieren oder Weggucken ist nicht sein Ding. Wie soll er ausliefern, wie die Schornsteine hoch und runter klettern? Das sind keine 1.500 mm Abstand, in keiner Chronik steht irgendetwas Vergleichbares, um seine Sorgen und Ängste zu vertreiben! Und diesmal hat er, ausnahmsweise, mal alle vergangenen Einträge sorgfältig noch einmal gelesen, in der Hoffnung, Antworten zu finden. Verdammt, er muss was schreiben, Dokumentationspflicht ist Weihnachtsmann-Ehre, so hat sein Ur-Ur-Großvater es ihm vorgelebt. „Wissen und Information sind die halbe Bescherung, denn ohne die Daten, Adressen, Wünsche und Freuden wäre Weihnachten nur halb so schön“, sagte er immer mahnend. Heute sagen die Menschen „Wissen ist der Wettbewerbsfaktor Nr. 1“ – bei diesem Gedanken werden die Augenlider schwer und der Dämmerzustand lässt seinen Kopf auf die schwere Tischplatte gleiten. Der Saft hat‘s in sich.

Sein Traum beginnt mit schönen Gedanken an Traditionen und Bräuche, an die unzähligen Nasen-Stubser und das liebevolle Knuddeln mit den Kindern. Noch im Sommer haben sie über die Möglichkeiten gerungen, die Auslieferung bei der weltweiten Bedrohungslage zu ermöglichen. Auch ihm war es nicht egal, erstens hatte er die immense Verantwortung für alle Lieblingstiere der Kinder, für die Schlitten, die Geschenke und nicht zuletzt für die unzähligen Wichtel. Knecht Ruprecht und er gehörten ja seit Jahrhunderten zur Risikogruppe. Also wie sollte er entscheiden? Der neue Knight, einer der jungen Wilden in der Garde der platform-Antreiber, warf die verrückteste Idee ein: „Reden ist das neue Umarmen! Mensch Alter, mach dich mal locker, die WHO – die Weltgesundheitsorganisation – hat dich doch erst getestet, du bist immun! Also, überlass uns das Quatschen, wir haben uns im Sommer auf die neue Situation vorbereitet. Schau dir die Medienzentrale an. Die eine Hälfte der Engelchen sitzt an modernsten Tele-Arbeitsplätzen, die anderen sind im Wolken-HomeOffice und erledigen millionenfache Gespräche mit den Kindern fast zeitgleich. So schicken wir nur dich durch die Welt, den Rest hauchen unsere lieblichen Engelchen den Kindern direkt ins Ohr.“

Ja, sein Team hat sich auf alles Neue gut eingestellt. Letztes Jahr die modernste digitale Platform eingeführt, dieses Jahr sollte nun die Datensicherheit noch einmal deutlich verbessert werden. Die Adressen und Wunschzettel der Kinder sind das Wichtigste, also hat er dem neuen Schlauch der Datenübertragung so von End-to-End mit Verschlüsselung zugestimmt. Eine Investition in die Zukunft, teuer, aber zukunftssicher, so seine Berater. Da kann keiner stibitzen oder sich „einhacken“ wie der IT-Wichtel neulich sagte. Und außerdem gilt seine Wachsamkeit ja allen auf dieser Welt und da sind Proklamationen, äh, Gesetzesentscheidungen von höchster Stelle wie die der EuGH zum „PrivacyShield“ bindend.

Auf einmal durchbricht ein ohrenbetäubender Lärm die träumerische (sinnliche) Stille. Er springt auf und sieht mit einem Blick über die Balkonbrüstung die halbe Wichtel-Mannschaft wild gestikulierend und brüllend umherlaufen, umringt von aufgeregten Rentieren und schwirrenden Engelein. Mittendrin erkennt er Billy, den IT-Anführer. Hochrot, völlig außer Puste versucht er sich den Vorwürfen der Kollegen zu erwehren. Der Alte tritt auf den Balkon hinaus und verschafft sich nun von oben mit einem tiefen, aber umso lauteren Brummen und Hüsteln Gehör. Sofort wenden sich alle zu ihm auf. Stille, Erwartung, Respekt! „Freunde und Kollegen, warum so eine Hektik?“ „Der Billy hier,“ stottert aufgeregt Lotte, „der hat mit seinem Generalschlüssel für die neue Datenleitung versucht die Wunschzettel zu lesen“. Die aufgebrachte Menge kann sich nicht beruhigen und Wortfetzen wie „Unding“, „Raubbau“, „Datenverletzung“ und „Weihnachtsehre“ schwirren durch die Luft bis der Alte sich gefasst hat und spricht: „Billy wie kommst du an die Daten so einfach ran?“. Erwartungsvolle Stille, dann spricht Billy und man merkt ihm an wie schwer es ihm fällt. „Ich wollte nichts stehlen, ich wollte nur die OME-Verschlüsselung testen. Mit dem Schlüssel in der Hand haben mich dann die anderen ertappt.“

Sofort reden, diskutieren und schreien wieder alle durcheinander. Jeder hätte es besser gemacht, jeder hat nun gute Ratschläge. Jetzt muss er für Ruhe sorgen, sonst ist es mit der Auslieferung endgültig vorbei. „Hohoho… Freunde, Billy hat es sich offensichtlich zu einfach gemacht, wir wollten eine End-to-End-Verschlüsselung damit sich alle mit voller Sicherheit ihren Aufgaben und Prozessen widmen können. Das Verfahren, das er gewählt hat, ist nicht sicher genug; das weiß er nun selber und wird diesen Fehler nicht mehr machen!“ Immer lauter werdende Beifallsrufe durchbrechen die gespannte Situation. Und als dann eins der vielen Rentiere röhrend von sich gibt: „Billy, komm lass uns mit deinen Infos die Auslieferung weiter planen und …“, wacht der Alte schweißgebadet auf. Die Stirn tut ihm weh vom harten Eichenholztisch und er wundert sich über die zukunftsfrohe Stille im Raum. Der Blick zu Rudi verrät ihm endgültig, dass alles nur ein Traum war.
 
Noch etwas wackelig auf den Beinen stapft er langsam zum Balkon, friedliche Geschäftigkeit herrscht auf dem großen Platz. Links die Halle der Geschenke-Portionierung mit der neuen Datenleitung. Alles scheint wie am Schnürchen zu laufen. Da ist er froh, dass sein IT-Team die richtigen Maßnahmen für die Zukunft getroffen hat und nun die jedes Jahr steigende Flut von Erwartungen und Wünschen – wie immer – realisiert werden kann. In der Mitte hell erleuchtet erblickt er die neu eingerichtete Zentrale der, wie er sie liebevoll nennt, „Streichelkolonne“, die Tele-Anrufplätze. Alle Plätze sind belegt, es kann losgehen. Aus den Rentierställen rechts vom Platz hört er schon ein Schnaufen und das Trommeln der Hufe. Es kann tatsächlich losgehen! Eine tiefe Ruhe und Gewissheit zerstreuen seine Sorgen über die Situation der neuen Regeln während sein Blick über das gigantische Schlittengespann mitten im Areal streift.

Noch beim Geraderücken der verrutschten Hosenträger und dem Zuknöpfen des samtweichen Mantels, denkt er sich „Die Weihnachts-Chronik kann warten, Vorrang haben die Kinder!“ und stapft los…

„So wie immer, aber anders“ – nehmen wir die Zeit, die herausfordernde Zeit, wie sie ist. Bewahren wir Anstand und Abstand, nehmen uns aber auch die Zeit für Veränderungen und das Rückbesinnen auf Stärken, Ruhe und Gelassenheit sowie auf das Schwungholen für neue Dinge. Gestalten, Anpassen, Mitmachen! Jetzt ist Zeit für die digitalen Chancen: mit der IT, nicht durch die IT!

Mit Maß und Sicherheit, die Geschwindigkeit zum Erlebnis, nicht zum Risiko machend, nicht leichtfertig, sondern nachhaltig. Dafür sind wir alle, von Mensch zu Mensch, verantwortlich und ein bisschen davon auch getrieben. Gehen wir respektvoll mit dem Umfeld, den Kollegen, den Nachbarn und Freunden um. So wie die Weihnachtsgeschichte: nicht neu geschrieben, sondern wie immer, aber anders!

Ihr IT-Wichtel

Steffen Schaar