Industrie 4.0 - die digitale Herausforderung

aus der Reihe "Aufschlag & Return"
Veröffenlicht in: DiALOG - DAS MAGAZIN FÜR ENTERPRISE INFORMATION MANAGEMENT | 2016

Lieber Herr Huhle,

ich schreibe Ihnen diesen Brief, weil ich Sie als kompetenten Fachmann und Experte für Industrie 4.0 in Bild und Ton kennen gelernt habe.

Selten hat ein Slogan wie „Industrie 4.0“ die Experten so bewegt oder sollte ich gar sagen so geteilt. Die einen waren Dank des visionären Aufbruches tagelang mit glänzenden Augen unterwegs, andere wiederum meinten, es sei längst fällig gewesen. Nachdem der Rauch des Initialfeuerwerkes sich gelegt hatte, kamen auch Stimmen zu Wort, die vielleicht ihre Verwunderung nicht mehr zurückhalten konnten: „Was ist das denn nun wieder?“

„Der mit dem Feuer spielt, hört selten von alleine wieder auf“ – sagt eine alte Weisheit. Und so wurde dann auch kräftig nachgelegt. Wie Pilze schossen Vorträge, Awards, Regierungsprogramme und Presseartikel aus dem Boden und bringen ganze Branchen und Industriezweige in Aufruhr. Wo soll es jetzt hingehen? Sind unsere Investitionen von gestern schon wieder veraltet? Die Märkte brummen, die Maschinen laufen, naja, BigData haben wir halt nicht mehr (noch nicht?) im Griff. Was soll's – machen wir also alle mit!

Soweit so gut – könnte man meinen. Kritiker gibt es eigentlich keine. Aber versteht noch ein jeder, was gemeint ist? Was ist Industrie 3.0 oder Mensch 4.0 oder … – Herr Huhle helfen Sie! Einem Verwirrten, der einfach nur verstehen will. Einem RDI – retard digital immigrant – der nicht abgehängt sein will. Einem, der engagiert ist und mitmachen will – aber haben Sie Mitleid und sprechen Sie Klartext!

Sie haben sich dem Thema verschrieben. Sie konnten erleben, wie Regierungen, Verbände und Unternehmer sich zusammentun, um diesen Weg der „neuen Industrialisierung“ im Zeitalter von Digitalisierung und Transformation zu gestalten. Erklären Sie mir doch mal, wo der Nutzen dieser Vision liegt. Und ich als Trendsetter von Enterprise Information Management bin besonders gespannt darüber, wo und wie ich das als
Mensch mitgestalten kann. Geben Sie mir einen „Denkanstoß“ oder „Wissensvorsprung“ – ach egal! Hauptsache Sie nehmen mich auch mit (gemäß dem bekannten Film in drei Teilen) „zurück in die Zukunft“.

Als optimistischer Mensch bin ich Ihnen eng verbunden, wenn Sie mich an Ihren Visionen und Potenzialen für
die Zukunft schon heute aufklärerisch teilhaben lassen.

In diesem (DiALOG)-Sinne freue ich mich auf Ihren Return.

Ihr Fan Steffen Schaar

Lieber Herr Schaar,

zunächst… Danke, dass Sie mich so ansprechen. Über 30 Jahre Erfahrung in verschiedenen Branchen der Industrie, Gesundheit, Energie und Software prägen und fordern von mir ein ständiges „über den Tellerrand“ blicken, wobei mein Fokus stets auf den Menschen und auf Prozessen liegt.

Das Thema Industrie 4.0 ist ein konsequentes Fortsetzen der begonnenen Entwicklung und damit wird die Verwirrung deutlich. Viele Unternehmen, Unternehmer und Mitarbeiter deuteln“ um diesen Begriff. Sowohl Software- und Maschinenanbieter, al s auch Dienstleister sinnieren, liefern Begriffserklärung und neue Produktbeschreibungen. Dabei haben (fast) alle das Gefühl schon dabei zu sein und verstehen dann den Hype nicht. Wir sind halt Menschen und denken nicht digital… könnte man sagen. Ich sage hier einfach: Das stimmt, jedoch kann unsere Denkweise sehr komplex sein! Ich werte das Thema Industrie 4.0 als Evolution und nicht als Revolution.

Mein Rat an Sie Herr Schaar, bleiben Sie auf dem Boden der Tatsachen und lehnen Sie sich zurück…, aber nicht zu lange! Denn wenn Sie Industrie 4.0 als die digitale Herausforderung betrachten und konsequent an die wirkliche vollständige Digitalisierung denken, dann … steht jeder vor einer „interessanten Anforderung“.

Meine und ich meine auch Ihre Auffassung ist, dass Unternehmen sich ihrer Kultur gewahr werden und diese leben. Gerade hier liegt eine große Herausforderung, denn die Kultur wird sich ändern (müssen). Dies sollten
Unternehmen nicht nur wissen, sondern berücksichtigen und Einflussgrößen in Strategie und operativem Handeln erkennen und kontinuierlich anpassen.

Die Herausforderung liegt darin, dass jegliche Information digital verarbeitet wird!
Am Markt gibt es bereits Beispiele, die zeigen, was eine konsequente Digitalisierung bewirken kann. Unternehmen in der x-ten Generation, was doch einige Unternehmen in Deutschland ausmacht, werden von digital agierenden Unternehmen schnell, konsequent und erfolgreich überholt. Eine Zeit lang galt es, dass nicht
der Große den Kleinen übernimmt, sondern der Schnelle den Langsamen. Jetzt gilt, der Digitale schluckt den Analogen! Und das global über den kompletten Erdball verteilt.

Es gibt Unternehmer, die dies als ein schlimmes Szenario benennen! Und?

Wir können machen, was wir wollen! Es gibt zunehmend Märkte bzw. ganze Branchen, die ohne eine klare konsequente digitale Antwort den „neuen“ Wettbewerbskampf kaum überleben werden.

Sie wollen Beispiele! Denken wir einfach an Google, Amazon, Zalando oder den Blechverarbeiter um die Ecke. Oder anders … wissen Sie, woher ein Artikel kommt, wenn Sie ihn im Internet bestellen? Es werden zunehmend Dienstleister, ohne dass wir das merken, Artikel am Markt anbieten und verkaufen. Dabei werden diese Dienstleister Verträge schließen zwischen dem Hersteller und dem Kunden und daran gut verdienen. Dies wird zunehmend für die meisten Geschäfte gelten. Dass dabei standort-, personen-, zeitabhängige Preise verlangt werden, bekommt der Kunde doch kaum noch mit.

Wie wollen Sie das analog bewältigen? – Gar nicht! Sie können nur noch zuschauen!

Oder nehmen wir Google. Demnächst montieren Sie die Heizkörpersteuerung, fahren das Auto, zahlen digital,
lassen sich beraten, finden Ihren Weg, suchen Artikel … und das alles bei Google oder im Google-Shop. Beach-
ten wir noch eine Entwicklung; Sie werden das nächste Auto nicht mehr kaufen oder leasen. Sie werden es zur Verfügung gestellt bekommen und es wird für die Datensammlung und der Marktbewertung und Entwicklung von Strategien nutzen und sich damit „verdienen“.
Dies bedeutet für uns, dass wir uns schnell und direkt Gedanken machen müssen, wie wir unser Business digital an den Markt bringen und das vollständig und durchgängig in allen Prozessen.

Meine Auseinandersetzung mit der Prozessautomatisierung, Steuerung von Abläufen und dem flexiblen Agieren bringt mich zunehmend auf die Ausrichtung, dass wir in kleinen Services digital handeln müssen und es auch könn(t)en. Nicht lange überlegen, sondern mit einem Tool die ausgeführten Prozesse zu digitalisieren, ständig zu hinterfragen und verbessern. Der Witz daran wird sein, dass Menschen mit Know-how erkennen werden, dass sie ihre Erfahrung immer stärker einbringen können. Lassen Sie die Mitarbeiter von der  ständigen Entwicklung doch partizipieren und schon haben wir den demografischen Wandel in den Unternehmen (besser) im Griff und das Prädikat „Made in Germany“ wird zum „Made in Germany 4.0“.

Sehr schön ist, dass sowohl Regierungskreise als auch Verbände und engagierte Unternehmen und Personen
vermitteln, dass intensiv Beispiele, Muster und die geforderte Sprache gesammelt werden. Jeder Mitmachende
wird sich entwickeln und den Blick auf die wesentlichen Faktoren finden.

Eines ist aber sicher: Fangen Sie damit an und fordern Sie ihre Kunden und Partner dazu auf. Ich wünsche Ihnen, Ihren Kunden und Partnern, dass Sie den digitalen Gegenwind noch nicht spüren und den Zeitpunkt nutzen. Ich hoffe aber auch, dass die digitale Welle nicht schon vorbeigezogen ist und wir vermeintlich im Windschatten agieren wollen. Das wird extrem schwierig, da die digital aufgestellten Unternehmen eine hohe
Geschwindigkeit und Performanz haben.

Ich freue mich auf den weiteren Dialog und die digitale Herausforderung.

Mit verbundenen Grüßen
Ihr Jürgen Huhle

PS: Machen Sie Ihre wertschöpfenden Prozesse vollständig digital!