Verzahnung der digitalen Welt

Legal Tech und so viel mehr...

aus der Reihe "Aufschlag & Return"
Veröffenlicht in: DiALOG - DAS MAGAZIN FÜR ENTERPRISE INFORMATION MANAGEMENT | 2017

Lieber Herr Deicke,

ich schreibe Ihnen diesen Brief, weil ich Sie als (Voll)Juristen, Interims-Fachmann, Experten und kreativen Anbieter von Legal, Compliance und Datenschutzlösungen schon mehrfach erlebt, verfolgt und zu schätzen gelernt habe.

In Zeiten von Governance, Risk & Compliance (GRC) und der wachsenden Bedeutung von digitalen Transformationsanforderungen und der Veränderungsbereitschaft in unseren Arbeits-und Organisationsabläufen (oder besser Büro4.0?) sind Fachleute wie Sie, gefragt wie nie. Als Fan von Enterprise Information Management – „der Mensch im Mittelpunkt von Kommunikation und digitalem Wandel“ - begeistert mich Ihre Initiative und Kreativität, die Sie auch in vielen Artikeln, Zeitschriften und Ihren eigenen Blogs immer wieder positionieren. Sie stellen sich erfrischend offen zu Themen rund um Legal Advice, Legal Process Management, Compliance u.v.m. und scheuen sich nicht, in Diskussionen oder Foren die Herausforderungen der Menschen im Digitalisierungswandel direkt anzusprechen. Ich frage mich, woher nehmen Sie Ihre Überzeugung und Sicherheit? Mit aller Wertschätzung: „Ist das möglich – ein digital Native spricht wie ein alter Hase?“

In den Organisationen der Unternehmen sind die Juristen und Compliance-Organisationen die jüngsten „Pflänzchen“. Sie werden immer mehr in die organisatorischen Aufgaben von Unternehmen bewusst integriert.

Der Anspruch dabei ist hoch gesteckt. „Schafft die rechtlichen Grundlagen“ gilt schon heute, nach wenigen Jahren, nicht mehr als Herausforderung, sondern vielmehr gilt das Motto: „Berater zu sein, um Organisationen zu schaffen, die compliant handeln, die bewusst Geschäftsbeziehungen durch Regeln erfolgreich und transparent sichern. Nicht mehr nur im Legal Advice, sondern im Business Advice.“ Dies gelingt nicht immer und bedarf teilweise eines langen Atems. Die in Presse und Rundfunk bekannten Fälle zeigen, dass es aber in Sekunden wieder zerstört werden kann. Sie haben dabei, als gefragter Fachmann, Stratege und Berater, viele erfolgreiche Projekte und Umsetzungsstrategien in den Unternehmen begleiten dürfen.

Was machen Sie anders als diejenigen, die Prof. Susskind in seiner bekannten drei Phasen Theorie „denial – re-sourcing – disruption“ motiviert, nun endlich mal in die „change your mind, so change your way“ (deutsch-bayrisch: „hört’s auf zu jammern, packt’s an“) – Methodik einzusteigen?
Hat Ihr Tag 30 (!) Stunden? Was gibt Ihnen die Kraft und die Beharrlichkeit nie müde zu werden, zu organisieren, zu überzeugen, zu beraten und so zu handeln? Herr Deicke, Ihr Return! Lassen Sie uns teilhaben an Ihrer Strategie zur Antwort auf die Fragen des digitalen Zeitalters, im Klartext bitte. So ganz einfach „von Mensch zu Mensch“.

In diesem (DiALOG)-Sinne bin ich Ihnen kommunikativ verbunden.

Ihr Fan Steffen Schaar

Lieber Herr Schaar,

zunächst möchte ich vieles von dem zurückgeben, was Sie in mir sehen. Ich habe Sie über EIM-Lösungen und IT sprechen „erlebt“, wie ich das zuvor noch nicht kennengelernt habe (und wahrscheinlich auch nicht hören wollte). Der Mensch ist in Ihren Ausführungen und Überlegungen immer im Mittelpunkt und das gefällt mir.

Wobei Sie natürlich auch ein alter Hase sind und das, wovon Sie sprechen über Jahre erlebt und umgesetzt haben. Warum spreche ich mit gefühlter Erfahrung im zarten Schwabenalter (40 – also g´scheid)? Ich denke das bringt der Job als Legal Interim Manager/Projektjurist mit sich. Immer in einem neuen Umfeld, unter neuen Kollegen, in neuen Branchen und mit unterschiedlichen Aufgaben. Nie mit einer wirklich langen
Einarbeitungszeit wird vom Kunden zu Recht erwartet, dass schnell geliefert wird. So habe ich quasi eine Schnellbleiche durch mehr als 15 Interim Einsätze durchlebt. Ich gebe zu, dass ich auch vom Naturell her ein wissensdurstiger Luftikus (…mein Taufname der ersten Ballonfahrt – die Ballonfahrer wissen, wovon ich rede) bin. Es zieht mich immer wieder in neuen Branchen, Firmen und Geschäftsmodelle. Die Verzahnung der digitalen Welt ist da draußen überall und auch wir Juristen werden immer mehr damit konfrontiert. Ok, ich gebe gerne zu, dass ich mich seit meiner Jugend mit IT beschäftigte.

So hatte ich mir von meinem Kommunionsgeld einen 8088 Rechner mit Monochrombildschirm geleistet und seither bin ich irgendwie immer am Ball geblieben, also vielleicht nicht ganz Digital Nerd aber auch nicht ganz unbeleckt. Da musste ich schon mal im Rahmen meines MBA in Kopenhagen erklären lassen, wie man heute international kommuniziert (Facebook – 2008). Auch gestehe ich, dass ich mit meinen Arbeitsstunden nicht wirklich sparsam umgehe und die eine oder andere Nachtschicht schon anfällt (nachdem ich meine Kids ins
Bett gebracht habe).

Aber was ist nun mit diesem Legal Tech? Ich glaube, dass wir immer dazu neigen, für alles Worthülsen zu
brauchen. Alle sprechen gerade davon – wirklich alle? Für mich ist der Beruf des Juristen sehr breit gefächert: da gibt es die Anwaltschaft (unterteilt in wenige Wirtschaftsanwälte in großen Einheiten und ein Heer von sogenannten Wald- und Wiesenanwälten), Unternehmensjuristen/Syndikusanwälte, Staatsdienern und so Leuten wie mir, die sich in Innovationen Nischen betätigen. Legal Tech kommt jetzt hauptsächlich bei der Min-
derheit der Juristen an. Von der großen Zahl an Rechtsanwälten (über 170.000) in Deutschland haben viele schon beim neu eingeführten besonderen elektronischen Postfach (BeA) Schwierigkeiten. Also sollte man die Kirche im Dorf lassen. Den Beruf und die Beratungsbranche wird es auch in einigen Jahren noch in der jetzigen Form geben. Wir werden Verzahnung der digitalen Welt Legal Tech und so viel mehr... nicht alles durch die „IBM Watsons“ dieser Welt wegrationalisieren. Einiges wird die Art und die Prozesse der Arbeit vieler Kollegen verändern, ich prognostiziere, dass es die Kollegen aber immer noch geben wird. Oft beiße ich auf Granit, wenn ich das Thema Interim und Outsourcing bei General Counsel vorstelle. Zu sehr ist man in der alten Welt verhaftet. Die JUVE (Branchenzeitschrift) hat in Ihrer Januarausgabe unlängst davon berichtet. Und ja, Veränderung ist aus meiner Sicht auch der Schlüssel – aber nicht durch Legal Tech sondern mit Legal Tech, denn am Ende ist es immer wieder der Mensch, Mitarbeiter bei dem etwas ankommen muss. Wir Juristen sind Servicedienstleister (auch wenn sich manche meiner Kollegen auf den Status als Organ der Rechtspflege zurückziehen – was wir natürlich auch sind) und werden das bleiben. Wir sollten offen sein für neue HR Tools (wie meine Interim und Outsourcing Lösungen) genauso wie für die Errungenschaften der Digitalisierung. Es geht nicht um zwei Welten sondern um Mehrwerte, die wir für unsere Kunden schaffen sollten (dann sind auch Schlagworte wie: „more for less“ keine Angstbotschaften). Es stehen viele Herausforderungen vor der Türe
für unsere Kunden: Im Jahr 2017 im Bereich der Arbeitnehmerüberlassung (AÜG-Novelle zum 01.04.2017) oder im Bereich Datenschutz (EU-Grundverordnung zum 01.05.2018) aber auch um diese Themenmonster Compliance und Corporate Governance mit Management und Prozessen zu „leben“. Gerne lasse ich mir dabei von innovativen IT-Ansätzen helfen. Gerade bei Datenräumen für die Kommunikation zwischen verschiedenen Parteien oder bei einer Due Diligence im Rahmen einer Unternehmenstransaktion sind IT-Ansätze oft schon alternativlos – neben dem Mensch (z.B. Projektjuristen). Noch zum Schluss muss ich auch mal eine Bitte loswerden. An alle Kollegen, die das lesen: „Bitte lasst dieses ständige Bedenken äußern und als ein Träger
von solchen sich in Unternehmen oder als Anwalt zu positionieren. Einfach machen, umsetzen und loslaufen. Ihr werdet sehen, das tut nicht weh. Nicht alles Neue ist per se schlecht (oft auch kein Allheilmittel). Die Mischung machts!

Mit verbundenen und digitalen Grüßen
Ihr Alexander Deicke

PS: Bis bald auf unserer nächsten gemeinsamen Veranstaltung. Ich freue mich bereits jetzt – wir müssen schließlich Aufklärungsarbeit leisten.