Das große Ganze

Digitalisierung ist ein Hype, der auch wieder vorbeigeht...

aus der Reihe "Aufschlag & Return"
Veröffenlicht in: DiALOG - DAS MAGAZIN FÜR ENTERPRISE INFORMATION MANAGEMENT | 2022

Lieber Herr Reimer,
ich schreibe Ihnen diesen Brief, damit Sie sich freuen.

Wenn man heute im Social Medien nach Trendsettern, Visionären oder Garanten hochkarätiger authentischer Digitalisierungsmachern sucht, findet man Sie. „Kurz inhalieren und Ihre Botschaften einsaugen und schon will man mehr wissen“ - so erging es mir. Denn als leidenschaftlicher Berater und Visionär der digitalen Transformation war ich sofort angetan, mit welcher Klarheit und Treffsicherheit Sie sich positionieren. Als promovierter Philosoph und ja, hier musste ich zweimal hinschauen, ist es schon außergewöhnlich, wie Sie Grenzen sprengen: „Kreativität steht neben Phantasie, Innovationen fallen in Paradoxien und Ideen dürfen in Sackgassen enden.“ Die Leitplanken sind verschoben!  

Da musste ich Sie kennenlernen und nach nicht mal zwei Minuten telefonieren, stellten wir fest, dass unser Puls, unser Herz für digitale Veränderung im Gleichschritt schlägt. Und so hatte ich Sie! Dann im DiALOG Club’21 sprengten Sie mit Ihrem Vortrag alle virtuellen Ketten. Es ging los, es ging ab und so gaben Sie mir die Steilvorlage, mich zu trauen, für unsere diesjährige Ausgabe im Magazin den Menschen Markus Reimer herauszufordern. Denn langweilig wäre es, Sie einfach nur vorzustellen. Ich mache es anders.

Nun also, lieber Markus Reimer, werde ich meine anstandsgetriebene Zurückhaltung ablegen und möchte Sie zum Duell bitten, so im klassischen Tennis Einzel. Zu eintönig! Lassen Sie uns lieber beide ein starkes Doppel bilden. Den ersten knallharten Aufschlag übernehme ich und Sie sind der offensive Netzspieler, der mit dem knallharten Return die Punkte macht. Übrigens, diese Taktik nennt man die preußische Eröffnungsvariante. Also gleich von der ersten Minute an Vollgas geben, das ist doch genau ihr Ding, oder täusche ich mich etwa?

Stehe ich doch mit einer Urgestalt auf dem Platz, mit einem typischen Bayer auf einer Seite. Stolz, aber schon angespannt und ein bisschen nervös, denn Ihr Wissen, Ihr Kredo nie verlegen zu sein, Dinge auszusprechen, die mancher Zögling nicht wahrhaben will oder gar nie gehört hat, verpflichten mich mithalten zu können. Also los!
„Das ist der Reimer, der bricht auf der Suche nach neuen Lösungen die Grenzen des traditionellen und kausalen Denkens auf. Der animiert, der motiviert, der bringt Sie zum Staunen und fordert dabei unbedingten Umsetzungswillen.“ Nur einige wenige der begeisterten Aussagen nach seinen Vorträgen. Nicht genug, lesen Sie erstmal seine neuesten Bücher: „Die Seegurke“, „Das Walross“, „Der Seeigel“. Diese Kurzgeschichten machen süchtig. Als Gute-Nacht-Geschichten völlig ungeeignet, denn Sie können nicht mehr einschlafen! Ja, hab‘s durch, denn Sie wollen loslegen, machen, aufrütteln, umsetzen, andere mitreißen, Erfolg haben. Ausprobieren was der Reimer als Wissenskategorien, als Lebensweisheiten, als digitaler Transformationsmotivator so treffend postuliert.

Lieber Herr Reimer, lassen Sie mich nicht alt aussehen und hauen Sie einen raus. Ich stelle mich darauf ein, dass wir weiter im Spiel bleiben, denn unser „digitales“ Duell ist ein Langläufer, ein „Grenzen sprengendes Match“. Motivieren Sie uns für manche Durststrecke, vielleicht auch Satzverluste, aber geben Sie uns Ihren Spirit, um am Ende nicht als Verlierer dazustehen.
Ich freue mich auf Ihren Return, ganz im (DiALOG)-Sinne und bin Ihnen schon jetzt hochachtungsvoll verbunden.

Ihr Fan Steffen Schaar

 

 

Lieber Herr Schaar,

Sie schreiben, Sie seien mein Fan. Und das freut mich, denn damit haben wir etwas gemeinsam: Ich bin auch Fan von mir selbst! Ja, das mag sich jetzt ein wenig selbstherrlich lesen, aber wenn es eben so ist? Und warum ist es so? Weil ich immer Rückmeldun-gen wie die Ihre erhalte: „Toller Vortrag“, „tolles Beispiel“, „tolles Buch“, noch ein „tolles Buch“, „toller Artikel“, „toller Impuls“, „toller Mensch“ – und wie soll man sich da nicht toll vorkommen? Da muss ich mich ja geradezu bemühen, diesem Gefühl „toll zu sein“ entgegenzutreten. Aber muss ich das überhaupt?

Nun haben Sie sich dazu entschlossen, dass wir ein Doppel spielen und auf der gleichen Seite des Courts stehen, auf dem ich tatsächlich noch nie in echt stand. Soweit ich das aber überblicken kann und aus der Sportschau kenne, braucht es einen Gegner, also jemanden auf der anderen Seite jenseits des Netzes, um retournieren zu können. Gegner zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen herausfordern. Kein Gegner: Keine Herausforderung. Also brauchen wir einen Gegner, der behauptet: „Reimer, ich bin besser! Und Digitalisierung ist ein Hype, der auch wieder vorbeigeht!“ Dann wäre ich herausgefordert. Und Sie mit mir, denn wir stehen auf derselben Seite. Was also tun? Auf der einen Seite: Toll! Auf der anderen Seite: Nicht toll! Was treibt mehr an? Wir wissen es.
Wir brauchen also Herausforderungen, die uns antreiben. Es ist wie auf Märkten. Man kann sich dem Wettbewerb stellen, man muss es aber nicht. Man ist dann halt recht schnell kein Marktteilnehmer mehr. Und damit bin ich wieder bei mir. Sie haben mich kennengelernt, weil ich mich um das Thema „Digitalisierung“ gekümmert habe. Nicht technisch-physisch, sondern eher „meta-physisch“ – oder besser: philosophisch. Das ist ja auch meine berufliche Herkunft.

Doch warum habe ich mich überhaupt um Digitalisierung gekümmert? Weil ich mich vorher mit „Qualität“ befasst habe. Als Third-Party-Auditor für Qualitätsmanagementsysteme brenne ich für das Thema „Qualität“. Dazu habe ich einen gut gebuchten Vortrag kreiert. Aber irgendwann war für mich der Punkt erreicht, an dem ich festgestellt habe: Qualität wird zu klein gedacht. Qualität schien das Bestehende abzusichern, mehr aber auch nicht. Auch wenn es den Punkt „Entwicklung“ in ISO 9001 schon immer gab. Aber wenn er denn durch das Unternehmen nicht ausgeschlossen wurde, so wurde er dennoch stiefmütterlich behandelt. Also dachte ich: Das Neue, die Innovation muss in die Qualität Einzug finden. Schon hatte ich zwei Vortragsthemen: „Qualität“ und „Innovation“. Wenn ich aber Innovation vorantreiben will, dann brauche ich zwei Dinge: Wissen und kreative Kompetenz. Also musste ich mich auch um „Wissen“ kümmern: dritter Vortrag. Reicht es, wenn in Organisationen sich einige Wenige um Wissen, Innovation und Qualität kümmern? Natürlich nicht: Es muss eine andere Organisations- und Führungskultur erdacht und umgesetzt werden: die lernende, oder aktueller „Die agile Organisation“. Eine Organisation, in der Qualität größer gedacht wird, Innovation Einzug gefunden hat, alle sich um das notwendige und darüber hinausgehende Wissen kümmern und in einer agilen Umgebung einbringen können: Da waren es vier Themen und damit vier Vorträge.

Aber kann man Qualität, Innovation, Wissen und Agilität so alleine stehen lassen? Wo bekommen wir unser Wissen her? Aus dem Internet. Wo sind unsere Netzwerke? Im Internet. Wie kommunizieren wir? Übers Internet. Überhaupt machen wir alles über digitale Netze – und damit musste „Digitalisierung“ als weiteres Thema bearbeitet werden, um die anderen Themen abdecken zu können. Ein fünfter Vortrag. Zuletzt: Kann man heute noch ökonomisch agieren, beruflich und privat, ohne die Aspekte Soziales und Ökologie mit ins ernste Spiel aufzunehmen? Nein, kann man nicht. „Nachhaltigkeit“ ist seit 2020 mein neuester und damit sechster Vortrag. Diese Vorträge halte ich vor vielen Menschen, von denen mir viele, aber nicht alle anschließend sagen, dass ich das toll machen würde. Aber was ist mit den anderen? So ist es einfach, sich toll zu finden. Dessen bin ich mir bewusst.

Ich bin mit sechs unterschiedlichen Vorträgen unterwegs, die aber alle zusammenhängen und ineinander verschränkt sind; das eine Thema ist ohne die anderen Themen nicht mehr denkbar. Wir alle müssen uns um das große Ganze kümmern.

Daher stehe ich gerne auf Ihrer Seite, lieber Herr Schaar! Wir müssen gemeinsam und aufeinander abgestimmt spielen, um die anstehenden Herausforderungen anzugehen. Das ist seit Februar 2022 ganz sicher nicht einfacher geworden. Wer steht also auf der anderen Seite des Courts? Richtig! Eine nicht mehr auszuschaltende, nach allen Seiten schießende Ballmaschine, namens Realität. Wir haben sie zu größten Teilen und eher unbewusst selbst so entwickelt und geschaffen, so wie sie nun da drüben steht. Und jetzt müssen wir gemeinsam unentwegt retournieren. Nicht nur wir Beide. Wir werden viele Mitspieler auf unserer Seite und mittragende Fans brauchen, die die Returns auch dann gut finden, wenn sie weh tun. Und das werden sie. Ob wir irgendwann als tolle Sieger vom Platz gehen werden? Wer weiß das schon. Aber vielleicht schaffen wir es, auf das berühmte „Fargo“-Zitat zu kommen: „Eigentlich halten wir uns ganz gut.“       

Ihr Markus Reimer